Über atopos

atopos (griech.): ‚ortlos‘, ‚unangebracht‘, ‚ungeeignet‘, ‚unangepasst‘, ‚deplatziert‘, ’nicht zuordenbar‘
‚atopos‘ ist ein Zusammenschluss von Studierenden verschiedener Fachrichtungen und Universitäten im Raum Berlin. Unser Ziel ist es, emanzipatorische Wissenschaft und Bildung, sowie die Vernetzung von kritischen Wissenschaftler*innen und Studierenden zu unterstützen. Dabei möchten wir vor allem bildungspolitische Initiativen und studentische Lehre sichtbarer machen und die entscheidende Debatte um die Rolle von Bildung und Universität für eine transformative Praxis anregen.Mit dem Begriff ‚atopos‘ ist etwas gemeint, „das nicht an seinem richtigen Ort ist, nicht an seinem richtigen Platz, und deshalb auffällt“*. In Platons Symposion wurde Sokrates aufgrund seiner Unangepasstheit und seines provokanten Verhaltens als ‚atopos‘ bezeichnet. Als unkonventioneller Lehrer und Philosoph steht Sokrates am Anfang einer langen Tradition kritischer Bildungstheorie und –praxis. Eine Bildungspolitik, die heute noch als kritisch gelten kann, muss ebenfalls „atopisch“ sein: Sie muss in den sogenannten Bildungsinstitutionen arbeiten und doch die kritische Distanz zu ihnen wahren, darf den Zwangscharakter von Bildung nicht leugnen und muss doch auf ihren emanzipatorischen Chancen bestehen. Ein solches Verhältnis zur Institution Universität ist heute also grundsätzlich widersprüchlich. Wir sind zwar in ihr, fügen uns aber nicht ganz in sie ein; notwendig bleiben wir ‚deplatziert‘, weil unsere politischen Ansprüche in der heutigen Universität vorerst nicht ihren Ort finden. In diesem, in dem Begriff ‚atopos‘ angelegten, Zustand der Deplatziertheit darf eine transformative Bildungspolitik allerdings nicht verharren: Sie muss stets auf einen anderen Ort hinausweisen und somit im jetzigen notwendig auffallen, als etwas, das (noch) nicht am richtigen Ort ist.

*Martin, Gottfried: Sokrates. Reinbek 1967, S. 7

Wer Interesse hat bei atopos mitzumachen kann sich gerne bei berlin@atopos.eu melden.

Universität und Bildung

Jede normative Idee von Universität und Bildung steckt im 21. Jahrhundert in der Krise. Die Vorstellung von der Universität als ein Ort der „Einsamkeit und Freiheit“, in der die Beschäftigung mit der reinen Wissenschaft den Menschen seiner wahren Bestimmung – „die höchste und proportionierliche Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen“* – zuführen soll, war noch in keiner Gesellschaft einlösbar und damit schon immer illusorisch. Die Idee wurde zudem nicht zuletzt durch den europäischen Kolonialismus, zwei Weltkriege und den Nationalsozialismus diskreditiert. Was an diesen Idealen trotzdem noch fortleben konnte, wird nun endgültig durch die behaupteten Zwänge und Herausforderungen der sogenannten „Wissensgesellschaft“ demontiert. Universitäten werden zu Unternehmen, deren gesellschaftlicher Auftrag nun ganz explizit in der Steigerung der Standortattraktivität der Nation besteht. Bildung bedeutet auch subjektiv nicht viel mehr als die Veredelung des eigenen Humankapitals. Atopos will gegen diesen Trend an einer Idee von Bildung und Wissenschaft festhalten, die sich nicht reduzieren lässt auf ihren Beitrag zum BIP. Wir glauben auch weiterhin an die Aufgabe von Bildung, Menschen zu ermöglichen sich selbstbestimmt und kritisch gegenüber den herrschenden Verhältnissen zu verhalten, und an die der Wissenschaft sich in den Dienst aller Menschen und der kommenden, besseren Gesellschaft zu stellen. Dass es gegenwärtig ausgeschlossen ist, dass sich die Universität als „Ganze“ diesem Ziel verschreibt, liegt auf der Hand. Doch es bleibt eine Frage der konkreten politischen Auseinandersetzung, in welchem Ausmaß sie dennoch Teil emanzipatorischer Tendenzen sein kann, wie stark und wirkmächtig oppositionelle Kräfte in ihr vertreten sind.

*Wilhelm von Humboldt: Schriften zur Bildung. Reclam 2017, S.76